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Liebe Gemeinde von Sankt Benedikt, sehr geehrter Besucher unserer Internetseiten,
„Jeder Mensch hat sein Schicksal, dem kann niemand entrinnen.“
Diese oder ähnliche Aussagen sind uns wohl allen
bekannt. Aber ist das wirklich so? Ist unser Leben tatsächlich
schon zum Zeitpunkt unserer Geburt vorherbestimmt,
so dass wir auf unser Leben gar keinen Einfluss haben?
Dieser Frage geht Joseph Kardinal Ratzinger in seinem
Buch Gott und die Welt
auf den Grund und antwortet:
„Es gibt im Arabischen einen Ausdruck, der ein großes
Geheimnis dieser Welt auszudrücken versucht: ‚Maktub‘,
Übersetzt lautet er ungefähr so: ‚Es steht geschrieben‘.
Vielleicht steht ja wirklich schon alles geschrieben, die ganze
Geschichte der Welt, die Geschichte meiner Geburt und meines Todes. In einer
Messe habe ich einmal gehört, selig die, die bei Gott schon verzeichnet sind, nämlich
im großen Buch des Lebens. Zeichnet Gott den Weg, den jeder Mensch gehen soll,
schon vor, so dass ich nur erkennen muss, was für mich aufgezeichnet ist?
Ich glaube, dass es in diesem Punkt - obwohl ich kein Islam-Spezialist bin - einen
wirklichen Gegensatz oder zumindest einen Unterschied zwischen Islam und christlichem
Glauben gibt. Der Islam geht wohl von einer sehr strengen Vorbestimmungsidee
aus; die Dinge sind vorherbestimmt, und ich lebe in diesem fest gefügten Netz. Der
christliche Glaube dagegen kalkuliert durchaus den Faktor Freiheit ein. Das heißt, Gott
umfasst einerseits alles. Er kennt alles. Er führt die Geschichte. Und trotzdem hat er sie
so angelegt, dass darin Freiheit Platz hat. Dass ich sozusagen von dem abweichen
kann, was er mit mir vorhatte.
Könnten Sie das genauer erklären?
Das ist sehr geheimnisvoll und schwierig. Auch im Christentum wurde ja immer wieder
die so genannte Prädestinationslehre ausgebildet. Nach dieser Lehre steht einfach
fest, dass die dafür Bestimmten in die Hölle kommen und die anderen in den Himmel,
das sei von ewig fixiert. Der Glaube der Kirche hat dies stets abgelehnt. Denn die
Vorstellung, dass ich als einzelner eigentlich gar nichts mehr machen könnte – wenn ich
ein Höllenbraten bin, dann bin ich eben einer, und wenn ich zum Himmel bestimmt bin,
dann ist es auch so –, ist sicher nicht dem Glauben gemäß.
Gott hat wirkliche Freiheit geschaffen und lässt sich auch seine Pläne durcheinander
bringen, (wenn er es auch in einer Weise tut, dass er durchaus dann doch wieder etwas
Neues erschafft). Die Geschichte zeigt das ja. Da ist zunächst die Sünde Adams, sie
stürzt das Projekt Gottes um. Und Gott antwortet darauf, indem er sich noch stärker
gibt, indem er sich in Christus selber gibt. Das ist jetzt sozusagen das ganz große Exempel.
Daneben gibt es viele kleine. Nehmen wir das Volk Israel. Es soll eine Theokratie sein,
eine Ordnung, die keine menschlichen
Herrscher, sondern nur Richter hat, die das Gottesrecht anwenden. Die Israeliten
aber wollten auch einen König. Sie wollten sein wie die anderen. Und sie stürzten
den Plan um. Gott gibt nach. Er gibt ihnen Saul, dann David und bildet gerade
daraus wieder den Weg zu Christus hin, zu dem König, der alles Königtum umstülpt,
indem er am Kreuz stirbt.
Wir haben hier Modelle, in denen uns die Schrift verstehen lässt, wie Gott einerseits
Freiheit voll akzeptiert – und andererseits dann doch größer ist und die Möglichkeit
hat, aus dem Versagen, aus dem Zerstören heraus einen neuen Anfang zu machen,
der dann irgendwie den vorigen sogar übertrifft und noch größer und besser
sich darstellt. Wie das letztlich ist – dass Gott alles weiß und dass dennoch andere
Entwürfe möglich sind, darüber haben sich die größten Philosophen und Theologen
den Kopf zerbrochen. Irgendwo endet da unsere Möglichkeit, weil wir eben nicht
selber Gott sind und unser Horizont letztlich doch außerordentlich beschränkt ist.
Aber ich denke, wir können das Unmittelbare verstehen: Gott behält die Geschichte
in der Hand, behält mich in der Hand, aber er lässt mir die Freiheit, wirklich selber
ein Liebender zu werden – oder der Liebe abzusagen. Insofern hat Gott meinen
Code nicht invariabel kodifiziert, sondern hat in ihn die Variationsmöglichkeit mit
eingetragen, die wir Freiheit nennen.“
Christliche Freiheit bedeutet aber nicht Willkür und Zügellosigkeit. Wenn Freiheit
als Willkür und Zügellosigkeit gelebt wird, versklavt sie den Menschen. Wahre christliche
Freiheit kennt die Bindung, aber nicht eine Bindung, die dem Menschen von
außen auferlegt wird, sondern eine Bindung, die ihren Grund in der Liebe hat.
Nur scheinbar frei ist, wer immer tut, was er will. So findet eine solche Freiheit
beispielsweise ihre Grenze am Mitmenschen. Denn wer sich die Freiheit herausnimmt,
den Lebensbereich des anderen einzuschränken, bedroht dessen Freiheit.
Wirkliche Freiheit kann deshalb nur der geben, der nicht um sie zu bangen braucht,
dessen Macht nicht von der Ohnmacht anderer lebt: Und das ist Gott. Er ist die
Allmacht und Freiheit selbst, und gerade darum kann er den Menschen auch in die
Freiheit entlassen. Denn er will nicht Sklaven als Geschöpfe, sondern Partner. Das
wird an seinen Sohn Jesus Christus deutlich, der als Sohn nicht nur gehorchte,
sondern der vor allem liebte und das in Freiheit. Tatsächlich steht und fällt auch
unser Leben mit der Liebe. Wo der Mensch sich bemüht, die Liebe zu leben, wo er
unter seiner Halbheit leidet, und doch immer wieder neu beginnt, da bekennt Christus
sich zu ihm. Es gehört Mut und Freiheit zu dem Eingeständnis: „So, wie ich jetzt
lebe und liebe, bin ich noch nicht fertig. Auf meinem Lebensweg gibt es Fortschritt,
aber auch Rückschritt, und oft verliere ich auch das Ziel aus dem Auge.“ Doch wer
die Botschaft Jesu kennt, der muss gehen, ganz gleich, wie weit er kommt. Wer
geht, der verändert sich - der verändert auch die Welt. Diese dauernde Veränderung
zum Guten, zum Sinnvollen, zur Liebe und damit zur Freiheit ist das Ziel christlichen
Lebens überhaupt.
Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit!
Ihr Pfarrer W. Lehmann
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