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KATHOLISCHE KIRCHENGEMEINDE SANKT BENEDIKT

Herzlich willkommen

in der Katholischen Kirchengemeinde
Pfarrei St. Benedikt in Berlin-Steglitz/Zehlendorf


Gott und die Welt

Liebe Gemeinde von Sankt Benedikt, sehr geehrter Besucher unserer Internetseiten,

„Jeder Mensch hat sein Schicksal, dem kann niemand entrinnen.“ Diese oder ähnliche Aussagen sind uns wohl allen bekannt. Aber ist das wirklich so? Ist unser Leben tatsächlich schon zum Zeitpunkt unserer Geburt vorherbestimmt, so dass wir auf unser Leben gar keinen Einfluss haben? Dieser Frage geht Joseph Kardinal Ratzinger in seinem Buch

Gott und die Welt

auf den Grund und antwortet:

Es gibt im Arabischen einen Ausdruck, der ein großes Geheimnis dieser Welt auszudrücken versucht: ‚Maktub‘, Übersetzt lautet er ungefähr so: ‚Es steht geschrieben‘. Vielleicht steht ja wirklich schon alles geschrieben, die ganze Geschichte der Welt, die Geschichte meiner Geburt und meines Todes. In einer Messe habe ich einmal gehört, selig die, die bei Gott schon verzeichnet sind, nämlich im großen Buch des Lebens. Zeichnet Gott den Weg, den jeder Mensch gehen soll, schon vor, so dass ich nur erkennen muss, was für mich aufgezeichnet ist?
Ich glaube, dass es in diesem Punkt - obwohl ich kein Islam-Spezialist bin - einen wirklichen Gegensatz oder zumindest einen Unterschied zwischen Islam und christlichem Glauben gibt. Der Islam geht wohl von einer sehr strengen Vorbestimmungsidee aus; die Dinge sind vorherbestimmt, und ich lebe in diesem fest gefügten Netz. Der christliche Glaube dagegen kalkuliert durchaus den Faktor Freiheit ein. Das heißt, Gott umfasst einerseits alles. Er kennt alles. Er führt die Geschichte. Und trotzdem hat er sie so angelegt, dass darin Freiheit Platz hat. Dass ich sozusagen von dem abweichen kann, was er mit mir vorhatte.

Könnten Sie das genauer erklären?
Das ist sehr geheimnisvoll und schwierig. Auch im Christentum wurde ja immer wieder die so genannte Prädestinationslehre ausgebildet. Nach dieser Lehre steht einfach fest, dass die dafür Bestimmten in die Hölle kommen und die anderen in den Himmel, das sei von ewig fixiert. Der Glaube der Kirche hat dies stets abgelehnt. Denn die Vorstellung, dass ich als einzelner eigentlich gar nichts mehr machen könnte – wenn ich ein Höllenbraten bin, dann bin ich eben einer, und wenn ich zum Himmel bestimmt bin, dann ist es auch so –, ist sicher nicht dem Glauben gemäß. Gott hat wirkliche Freiheit geschaffen und lässt sich auch seine Pläne durcheinander bringen, (wenn er es auch in einer Weise tut, dass er durchaus dann doch wieder etwas Neues erschafft). Die Geschichte zeigt das ja. Da ist zunächst die Sünde Adams, sie stürzt das Projekt Gottes um. Und Gott antwortet darauf, indem er sich noch stärker gibt, indem er sich in Christus selber gibt. Das ist jetzt sozusagen das ganz große Exempel. Daneben gibt es viele kleine. Nehmen wir das Volk Israel. Es soll eine Theokratie sein, eine Ordnung, die keine menschlichen Herrscher, sondern nur Richter hat, die das Gottesrecht anwenden. Die Israeliten aber wollten auch einen König. Sie wollten sein wie die anderen. Und sie stürzten den Plan um. Gott gibt nach. Er gibt ihnen Saul, dann David und bildet gerade daraus wieder den Weg zu Christus hin, zu dem König, der alles Königtum umstülpt, indem er am Kreuz stirbt.
Wir haben hier Modelle, in denen uns die Schrift verstehen lässt, wie Gott einerseits Freiheit voll akzeptiert – und andererseits dann doch größer ist und die Möglichkeit hat, aus dem Versagen, aus dem Zerstören heraus einen neuen Anfang zu machen, der dann irgendwie den vorigen sogar übertrifft und noch größer und besser sich darstellt. Wie das letztlich ist – dass Gott alles weiß und dass dennoch andere Entwürfe möglich sind, darüber haben sich die größten Philosophen und Theologen den Kopf zerbrochen. Irgendwo endet da unsere Möglichkeit, weil wir eben nicht selber Gott sind und unser Horizont letztlich doch außerordentlich beschränkt ist. Aber ich denke, wir können das Unmittelbare verstehen: Gott behält die Geschichte in der Hand, behält mich in der Hand, aber er lässt mir die Freiheit, wirklich selber ein Liebender zu werden – oder der Liebe abzusagen. Insofern hat Gott meinen Code nicht invariabel kodifiziert, sondern hat in ihn die Variationsmöglichkeit mit eingetragen, die wir Freiheit nennen.“

Christliche Freiheit bedeutet aber nicht Willkür und Zügellosigkeit. Wenn Freiheit als Willkür und Zügellosigkeit gelebt wird, versklavt sie den Menschen. Wahre christliche Freiheit kennt die Bindung, aber nicht eine Bindung, die dem Menschen von außen auferlegt wird, sondern eine Bindung, die ihren Grund in der Liebe hat.
Nur scheinbar frei ist, wer immer tut, was er will. So findet eine solche Freiheit beispielsweise ihre Grenze am Mitmenschen. Denn wer sich die Freiheit herausnimmt, den Lebensbereich des anderen einzuschränken, bedroht dessen Freiheit. Wirkliche Freiheit kann deshalb nur der geben, der nicht um sie zu bangen braucht, dessen Macht nicht von der Ohnmacht anderer lebt: Und das ist Gott. Er ist die Allmacht und Freiheit selbst, und gerade darum kann er den Menschen auch in die Freiheit entlassen. Denn er will nicht Sklaven als Geschöpfe, sondern Partner. Das wird an seinen Sohn Jesus Christus deutlich, der als Sohn nicht nur gehorchte, sondern der vor allem liebte und das in Freiheit. Tatsächlich steht und fällt auch unser Leben mit der Liebe. Wo der Mensch sich bemüht, die Liebe zu leben, wo er unter seiner Halbheit leidet, und doch immer wieder neu beginnt, da bekennt Christus sich zu ihm. Es gehört Mut und Freiheit zu dem Eingeständnis: „So, wie ich jetzt lebe und liebe, bin ich noch nicht fertig. Auf meinem Lebensweg gibt es Fortschritt, aber auch Rückschritt, und oft verliere ich auch das Ziel aus dem Auge.“ Doch wer die Botschaft Jesu kennt, der muss gehen, ganz gleich, wie weit er kommt. Wer geht, der verändert sich - der verändert auch die Welt. Diese dauernde Veränderung zum Guten, zum Sinnvollen, zur Liebe und damit zur Freiheit ist das Ziel christlichen Lebens überhaupt.

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit!

Ihr Pfarrer W. Lehmann