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Liebe Gemeinde von Sankt Benedikt, sehr geehrter Besucher unserer Internetseiten,
entweder erscheint heute dem modernen Menschen der
Glaube an Gott zu schwer, ja fast unmöglich, oder er
widersetzt sich den Konsequenzen, die sich aus dem
Glauben an Gott ergeben. Viele missachten heute auch
den Glauben als eine des Menschen unwürdige, ja
kindische und unvertretbare Haltung. Andererseits kann
der Nicht-Glaube aber auch ein Ausdruck der Glaubensnot
des modernen Menschen sein und die vermeintliche
Unfähigkeit zu glauben signalisieren.
Aber muss ich überhaupt an Gott glauben? Kann ich nicht
auch ohne den Glauben an ihn leben? Was bringt mir der
Glaube an Gott? Joseph Kardinal Ratzinger kommt in seinem Buch
Gott und die Welt
zu einer überraschenden Antwort:
„‚Nächte voller Mühsal teilte man mir zu’, so klagte Hiob,
‚lege ich mich nieder, sage ich, wann darf ich aufstehen. Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast...
nie mehr schaut mein Auge Glück.’ Wenn einem schon dieser Seelen-
Schmerz nicht erspart bleibt, was bekommt man dann eigentlich vom
Glauben?
Man darf diese Frage schon stellen, denn wenn ich etwas tue, muss es Sinn
haben. Man will wissen: Ist das eigentlich richtig? Bedeutet das etwas oder ist es
in Wirklichkeit eine Täuschung? Falsch wird diese Fragestellung dann, wenn man
alles, was es gibt, nur unter dem Aspekt des Ich betrachtet, unter der Prämisse,
was ich davon bekomme. Dann ist man nämlich in einer Perspektive der Habsucht
nach Leben, der Verschließung in sich selbst, mit der man nichts mehr verstehen
kann und durch die man letztlich am Leben scheitern muss.
Christus sagte einmal: Wer sein Leben besitzen will, der verliert es. Und wer sein
Leben verliert, wer bereit ist, es wegzugeben, der kommt in die richtigen
Perspektiven und kann es dadurch finden. Das heißt, ich muss letzten Endes die
Frage nach dem, was ich davon habe, abwerfen. Ich muss lernen zu erkennen,
dass es wichtig ist, mich einmal loszulassen. Ich muss bereit sein, mich zu geben.
Das sagt sich so leicht.
Aber es gehört ja auch schon zu jeder menschlichen Liebe, dass sie nur dann
wirklich bereichernd und groß ist, wenn ich bereit bin, für diesen Menschen auf
mich selbst zu verzichten, aus mir herauszugehen, mich zu geben. Und das gilt
erst recht in dem Großen unseres Verhältnisses zu Gott, aus dem schließlich alle
anderen Verhältnisse erst entstehen können.
Anfangen muss ich damit, dass ich nicht mehr auf mich hinschaue, sondern mich
frage, was er will. Anfangen muss ich damit, Liebe zu erlernen. Die besteht eben
darin, den Blick von mir weg- und auf ihn hinzuwenden. Wenn wir dann aus
dieser Grundrichtung heraus nicht mehr fragen, was kann ich alles für mich
selbst verbuchen, sondern mich einfach von ihm führen lasse, mich wirklich
verliere in Christus, wenn ich mich fallen lasse, loslasse von mir selbst, dann
merke ich, ja, so wird das Leben erst richtig, weil ich ohnedies für mich allein
viel zu eng bin. Wenn ich sozusagen ins Freie gehe, dann erst beginnt es,
dann kommt das Große des Lebens.
Jetzt wird es vermutlich heißen, dass diese Geschichte ganz schön
dauern kann.
Nun, das ist natürlich ein Weg, den man nicht von heute auf morgen tun
kann. Wenn man auf das schnelle Glück eingestellt ist, dann klappt’s mit
dem Glauben nicht. Und vielleicht ist das einer der Gründe für die heutige
Glaubenskrise, dass wir die Lust und das Glück sofort abholen wollen und
nicht das Abenteuer riskieren, das ein ganzes Leben dauert – in dem großen
Vertrauen, dass dieser Sprung eben nicht im Nichts endet, sondern dass er
seinem Wesen nach der Akt der Liebe ist, für den wir geschaffen sind. Und
der mir überhaupt erst das gibt, was ich will: zu lieben und geliebt zu sein,
und damit das eigentliche Glück zu finden.”
Der Glaube ist jedoch nicht nur eine Sache des inneren Menschen, ist nicht
nur seine Privatsache, sondern er wirkt sich im Verhalten gegenüber anderen
Menschen aus. Der Glaube verlangt Konsequenzen. Er durchdringt die ganze
Existenz und wird sichtbar in den Taten des Menschen. „Der Glaube ohne
Taten ist nutzlos.”(Jak 2,29) Er muss sich im täglichen Leben erweisen.
Darum darf das glaubende Ja des Menschen nicht nur die Zustimmung des
Verstandes bleiben, sondern es muss sich in der verantwortenden Tat seines
Lebens auswirken. Glauben ist nicht nur ein „Für-wahr-Halten”, ein
theoretisches Ja zur Botschaft Jesu, sondern formt das ganze Leben. In
ihm sind Theorie und Praxis eins. Glaube ist Weisung und Weg. Es muss
das dauernde „Experiment mit dem Glauben” gemacht werden, und das ein
ganzes Leben lang. Und so ergänzen sich in Wirklichkeit die beiden
umstrittenen Worte: „Der Gerechte lebt [nur] aus dem Glauben!”
(vgl. Röm 1,17) und „Ohne Werke ist der Glaube tot.”(vgl. Jak 2,20). Der
große Theologe Hans Urs von Balthasar fasst diese beiden Zitate großartig
zusammen, indem er sagt: „Glaubwürdig ist allein die Liebe!”
Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit!
Ihr Pfarrer W. Lehmann
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